Tech for Refugees

Technologien als Wirkungshebel im Social Business.

by Katharina Fabian, December 4, 2015

Nächstenliebe, Warmherzigkeit, die Fähigkeit zu Teilen. Gefühle, die die meisten von uns erfreulicherweise auch vor und nach der besinnlichen Weihnachtszeit durch‘s Leben lenken. Es sind warme Gefühle. Verpackt in warme Worte. Technologie. Plattform. Code. Bei diesen Worten fröstelt man irgendwie. Es sind kalte Begriffe. Und seien wir ehrlich, die meisten glauben doch, Informationstechnologie sei etwas für Menschen, die ausschließlich in Einsen und Nullen denken und digitale Plattformen eigneten sich nur für das Erfassen von Daten. Weit gefehlt. Denn es gibt sie, die sozialen Technologie-Lösungen. Sie sind weder warm noch kalt, aber dafür extrem effektiv. 

Immer mehr Menschen, die sich im Rahmen der Flüchtlingshilfe engagieren, greifen auf Lösungen zurück, deren Grundgerüst eine Technologie darstellt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Über eine Plattform oder eine App kann eine riesige Zielgruppe erreicht werden, die Entwicklungskosten bleiben überschaubar und spezielle Anwendungen erlauben es mittlerweile jedem, der mit einem Computer umgehen kann, ein Online-Forum, einen Blog oder eine Internetpräsenz zu erstellen. Die Möglichkeiten des digitalen Fundraising und der Kontaktaufnahme zu Interessengruppen werden dadurch enorm gesteigert.

Till Behnke, Gründer von betterplace und nebenan.de, fasst die effektvolle Verbindung aus Sozialem Engagement und IT zusammen. Entscheidend sei, so Behnke, was die Technologie ermöglicht. „Die Technologie hilft hier, Sinn für Gemeinschaft und Warmherzigkeit sichtbar werden zu lassen und Menschen zum Handeln zu bewegen.“ Auf seinen Plattformen werden Menschen auf unterschiedliche Art ermuntert, mit vielen kleinen Taten Großes zu bewegen. 

Wir stellen weitere Tech-Lösungen und Plattformen vor, die uns beeindrucken, indem sie geflüchteten Menschen den Einstieg in unsere Gesellschaft erleichtern.

Internetcafés und Computerkurse für Geflüchtete

Refugees Emancipation

Das selbstorganisierte Hilfsprojekt Refugees Emancipation setzt sich für den strukturellen Zugang Asylsuchender zu Computern und dem Internet ein und will damit grundlegende Isolationsmechanismen aushebeln.  Bisher ist das Projekt auf betterplace  zu 56 % finanziert (Stand: 02.12.2015). Der gemeinnützige Verein hinter dem Projekt betreibt neben weiteren in Potsdam, Rathenow und Luckenwalde kostenlos Internetcafés für AsylbewerberInnen in Gemeinschaftsunterkünften. Zu den Bildungsangeboten gehören Deutschkurse, aber auch Kurse in Computer- und  Radiotechnik und anderen Tech-Themen.

Refugees Online

Bereits seit Dezember 2014 gibt es den Verein Refugees Online e.V., der sich ebenfalls für einen kostenfreien Internetzugang und Computer in Asylbewerber-Unterkünften in München einsetzt. Refugees Online verwendet professionelle WLAN-Hotspot-Systeme und vergibt Zugangscodes an die Bewohner in den Unterkünften. Das sei anfangs ein wenig mühsam, aber der Umgang mit den Codes werde schnell erlernt und der Service sehr gut angenommen, heißt es auf der Webseite des Vereins. “Für Flüchtlinge ist das Internet oftmals die einzige Möglichkeit mit ihren Familien Kontakt zu halten und Zugang zu Informationen zu bekommen.“ Die Initiative möchte geflüchteten Menschen  dabei helfen, besser mit der neuen Situation zurechtzukommen. Auch Refugees Online setzt auf ein Konzept, bei dem alle mit anpacken: „Soweit möglich motivieren wir qualifizierte Flüchtlinge, sich als Trainer zu engagieren. So können gelegentlich auch Schulungen in anderen Sprachen als Englisch angeboten werden.”

Refugees on Rails

Etwas größer angelegt ist das Berliner Projekt Refugees on Rails. Langfristig soll ein europaweites Netzwerk so genannter Tech Labs errichtet werden, in denen Geflüchtete von Tech-Pros lernen, wie man programmiert.  Die Lernenden sollen dadurch besser in der Lage sein, sich selbst zu organisieren und einen Job in der Technologie-Industrie zu finden. Hier kannst Du Dich als Volunteer bei Refugees on Rails registrieren und Teil einer dieser Coding Schools werden, indem Du Dein Know-How zu Website Development, Design und anderen IT-Skills mit Geflüchteten teilst.

 

 

Maps und Orientierungshilfen für Geflüchtete

Refugee Map

In der interaktiven Refugee Map von therefugeeproject.org kannst Du Dir die Flüchtlingsbewegungen weltweit von 1975 - 2012, basierend auf einer Auswertung von UN-Daten, ansehen. 

Arriving in Berlin

Im Sommer haben wir bereits unsere Top 6 der innovativsten Berliner Flüchtlingsprojekte für Euch zusammengestellt. Arriving in Berlin ist eine Map von Refugees für Refugees und gehört ebenfalls unbedingt dazu. Die Karte, die von Einwohnern des Haus Leo der Berliner Stadtmission in Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt entwickelt wurde, fördert Diskussion und Austausch und ermöglicht es Ankommenden in Berlin ihre Erfahrungen zu teilen. Die Map eröffnet den Blick auf die Stadt, ihre Menschen und ihre Interaktionen aus der Perspektive eines Geflüchteten.

Die Welcome App

Auch auf dem App-Markt gibt es tolle und unterstützenswerte Ansätze: Die Welcome App Germany ist eine Gratis-Anwendung für Android, iOS und Windows Phone und eine Weiterentwicklung der Welcome Dresden-App. In den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch können in Deutschland ankommende Menschen sich direkt über die App beraten lassen. Asylsuchende finden in der Anwendung Erklärungen zu Gesetzen, Kontakte zu Ämtern und Hilfsangebote für den Alltag, wie beispielsweise Hinweise auf Sprachkurse in der Nähe. 

Unterstützungsangebote für Ehrenamtliche

Drei der insgesamt zehn Teams der zweiten IT4Change Wirkungsschmiede haben Volunteering Tools entwickelt, die es Freiwilligen erleichtern sollen, passende Initiativen in ihrer Umgebung zu finden.

Karte von morgen

Über die Karte von morgen sollen Menschen, die Gutes tun wollen, mit Projekten, die bereits Gutes schaffen, zusammengebracht werden. Die Plattform ermöglicht es, Pins nach Stichwörtern zu filtern und Karten mit einer persönlichen Auswahl von Projekten zu erstellen, die dann in die eigene Website eingebettet und mit Freunden geteilt werden könne. 

Vostel

Vostel ermöglicht es Menschen mit Wohnsitz in Berlin, sich wirkungsvoll in gemeinnützigen Projekten zu engagieren – unabhängig von zeitlichem Budget, Qualifikationen und Sprachkenntnissen. Auf der zweisprachigen Plattform  finden Interessierte zahlreiche Einsatzmöglichkeiten und werden einfach und unbürokratisch vermittelt. 

Auf ein Treffen

Dem Team von Auf ein Treffen mit geht es vor allem um ein gelebtes interkulturelles Miteinander im Umkreis von Bayreuth in Bayern. Opernbesuche, Kochabende, Sport, Nachhilfe - Die Plattform bringt engagierte Menschen und gemeinnützige Organisationen zusammen.  

…und noch viele mehr!

Auch die IT-Branche lebt also die Willkommenskultur durch und durch. Damit das auch weiterhin so bleibt, hat ein Team freiwilliger Tech-Entwickler die Techfugees Conference, eine Non-Profit-Veranstaltungsreihe, ins Leben gerufen. Sie soll Ingenieure, Entrepreneure und Startups mit NGOs zusammenzubringen und die „Firepower“ der Technologiebranche bestmöglich auszuschöpfen. Darüber hinaus arrangiert das Techfugees-Team regelmäßig Hackathons zum Thema und vernetzt Akteure und Kollaborateure in einem globalen Netzwerk. Ob Tech-Geek oder Sozial-ArbeiterIn, bei der Schaffung einer Willkommenskultur für Geflüchtete werden alle Hände gebraucht. 

***Dieser Artikel gehört zur IT4Change-Serie, in der wir zusammen mit der PEP Wirkungsschmiede tolle und innovative Projekte vorstellen, die soziale Probleme lösen, indem sie Informationstechnologie nutzen. Lies mehr zum Thema It4Change auf it4change.thechanger.org***

Autorin des Artikels ist Katharina Fabian von PEP.